Ärztinnen können in Kabul eingeschränkt weiter arbeiten

23.10.2021 epd Entwicklungszusammenarbeit

Die Lage der Frauen in Afghanistan hat sich nach Berichten von Experten seit der Machtübernahme der Taliban massiv verschlechtert. Mediziner betonten, dass die medizinische Versorgung der Bevölkerung ohne Hilfen nicht gewährleistet werden könne.

Bonn (epd). Für die Zukunft Afghanistans ist nach Einschätzung von Experten verschiedener Hilfsorganisationen die Stellung der Frauen in dem Land entscheidend. Das Land mit seinen 30 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern sei zwei Monate nach dem Abzug westlicher Truppen noch lange auf humanitäre Unterstützung angewiesen, erklärten Vertreter von Hilfsorganisationen am Samstag in Bonn.

Obwohl die Taliban nach ihrer Machtübernahme noch keine handlungsfähige Regierung aufgebaut hätten, würden die Rechte von Frauen bereits beschnitten, sagte die Ärztin und ehemalige afghanische Parlamentarierin Gulalai Nur Safi. Der Zugang zu Bildung sei eingeschränkt worden: „Nur in sechs von 34 Provinzen dürfen Frauen und Mädchen noch Universitäten besuchen.“ In Krankenhäusern in Kabul dagegen arbeiten Ärztinnen bislang weiter.

Gerade in der Frauenfrage seien die Unterschiede zwischen Stadt und Land in Afghanistan gravierend, berichtete Gulalai Nur Safi. Während in den Städten Frauen oft arbeiteten und ihre Familien finanziell unterhielten, seien ländliche Regionen von einem gegensätzlichen Frauenbild geprägt: „Frauen glauben hier selbst oft nicht, dass sie den Männern ebenbürtige und gleichberechtigte Menschen sind“, berichtete sie. Viele von ihnen seien Analphabetinnen. Die Politikerin und Augenärztin sieht darin einen Grund dafür, dass die Zustimmung zu den Taliban auf dem Land größer sei als in den Städten.

Alle Teilnehmer beklagten Schwierigkeiten beim Zahlungsverkehr. Geld für Nahrungsmittel oder zur Unterstützung von Krankenhäusern könne zur Zeit nicht nach Afghanistan geschickt werden, weil das Bankensystem nicht mehr funktioniere, hieß es. Zudem verfüge das Land über zu wenig Bargeld westlicher Währungen, um Anweisungen mit Transferorganisationen auszahlen zu können, berichtete etwa der Vertreter der Hilfsorganisation Humedica, Andreas Dürr. Auch die im arabischen Raum tätige Organisation Islamic Relief habe nur noch für wenige Monate Bargeld, sagte Geschäftsführerin Sarbina Khan.

In Städten wie Kabul können Frauen trotz mancher Einschränkung bislang noch arbeiten, wie die Frauenärztin und Leiterin der Dewanbegi-Klinik, Freshta Zahiri, berichtete. Frauen dürften jedoch nicht mehr allein in Autos fahren und Bustickets seien teurer geworden. Daher sei die Anfahrt zu der Klinik schwieriger als vor der Machtübernahme der Taliban, sagt die Ärztin, die aus Kabul zugeschaltet war.

Ärztinnen können in der afghanischen Hauptstadt Kabul nach eigenen Worten weiter arbeiten, sind aber durch neue Regelungen für Frauen nach der Machtübernahme der Taliban eingeschränkt. Zudem erschwere die Armut vieler Patientinnen und Patienten den Betrieb einer Klinik in einem Viertel mit sozial belasteter Bevölkerung, sagte die aus Kabul zugeschaltete Frauenärztin und Leiterin der Dewanbegi-Klinik, Freshta Zahiri, am Samstag in Bonn. Noch sei es ihr als Frau genehmigt, die Klinik zu leiten, erklärte sie bei einer Tagung der Evangelischen Akademie im Rheinland.

Mehrere afghanische Ärztinnen und Ärzte unterstrichen, dass Krankenhäuser weiterhin auf Unterstützung aus dem Westen angewiesen seien, um die Einwohnerinnen und Einwohner des Landes auf dem in den vergangenen Jahren erreichten Standard behandeln zu können. Eigene Zuzahlungen von etwa einem Euro seien für viele nicht mehr tragbar, sagte die Frauenärztin Zahiri.

Quelle: www.evangelisch.de (14.12.2021)